Die Mutter der Abdzachen


Абдзахэмэ Ян

Къуекъо Налбый

Die Mutter der Abdzachen

von Quique Nalbi

20.06.1938- 22.08.2007
İn Deutsch Übersetzt 
von Omar Farouk Tamzok


Einem der vielen überlieferten Klagelieder unserer Vorfahren entnommener Text

Zum Andenken an die Opfer des Russisch-Kaukasischen Krieges

                                                  Der am 21. Mai vor  150 Jahren zu Ende ging

                                                     Es ist lange her wo es passierte

 

 Bei der Morgendämmerung verließen alle wehrfähigen Männer das Dorf. Am nächsten Tag kam einer von denen zurück. Nach dem Rest fragte keiner. Die Kampfhandlung dauerte noch an. Alle Bewohner vermuteten das Schlimmste, aber das Dorf war noch Klagen - los verstummt. 

Ein Rückkehrer in Begleitung eines Älteren und eines noch bartlosen Jüngeren, suchten im Dorf nach noch verbliebenen Kampffähigen. Aus allen aufgesuchten Häusern kamen ihnen noch verbliebene Kampffähige entgegen. Pferde und Waffenbesitzer reihten sich entsprechend an. Waffen- und Pferdelose nahmen Speere, Lanzen oder Forken und schlossen sich an.

Amdachans Mann und ihre ältesten sechs Söhne, waren bereits bei den ersten Kämpfern. Seinen siebten, sechzehn jährigen Sohn ließen sie noch im Haus.

Als die Männer vor ihre Tür erschienen, „Nun bist du an der Reihe mein Sohn“, rief Amdachan ihren Jüngsten. Sie wollte erst über seinen Kopf streichen, zog aber ihre Hand wieder zurück und sagte, „du bist ja schon ein Mann geworden und musst doch in den Kampf ziehen. Der Stall ist leer und an der Wand hängt keine Waffe mehr, ich muss dich ohne Pferd und unbewaffnet ziehen lassen.“

Wortlos prüfte er die Lanzen – suchte die längste heraus und schloss sich an.

Erst am Abend des dritten Tages, kehrten die Männer zurück. Die Bewohner liefen ihnen entgegen. Die überlebenden Sieger suchten wie gewohnt, mit ihren Gefallenen den Dorffriedhof auf.

Amdachan wartete vergebens und dachte „Mein Alter hat mir auch nicht durch den Jüngsten die frohe Botschaft übermitteln lassen. Nun bin ich auch an der Reihe und meine Trauer beginnt jetzt.“

Nach einer Weile, erschienen drei Männer vor ihre Haustür. „Alle kampffähigen Männer unseres Dorfes haben sich beteiligt Amdachan“, sagte der älteste Besucher, „aber nur wenige von ihnen kamen zurück“.

Amdachan, die mit ihrem Mann auch alle ihre sieben Söhne in den Kampf schickte, schwieg. Sie dachte nur „Alle, die in den Kampf gezogen sind, haben es für ihr Dorf, ihre Eltern, und ihre Kinder getan.“ 

„Verzeihe uns Amdachan, wir sind mit einer traurigen Botschaft zu dir gekommen“, fügte der Älteste hinzu.

Seit Alters her ist es Sitte bei Tscherkessen, dass im Kampf Gefallene, wenn die Kriegshandlung es erlaubte, direkt zum Friedhof gebracht und mit ihren Kampfkleidern beerdigt werden. Um den Anblick den Frauen zu ersparen, war es aber nicht Sitte, dass Frauen der Beerdigung beizuwohnen.

„Tut mir bitte den Gefallen und erlaubt mir ausnahmsweise als Frau, dass ich Abschied nehme“ bat Amdachan den Älteren, der schweigend zum Friedhof ging.

Den drei Männern folgend ging auch Amdachan zum Friedhof.

Die sechzig jährige Frau, die mit dichtem und schwarzem Haar ihr Haus verließ, kam  Ergraut am Friedhof an, erzählte man.

 

Aufgereiht am Rande des Friedhofs lagen die zahlreichen Gefallenen, mit ihren Umhängen zugedeckt. Amdachan, als einzige Frau am Friedhof, ging aber direkt auf ihren Mann und ihre sieben Söhnen zu. Sie wartete nachdenklich eine Weile und sagte, „Ihr Abdzachen; verzeiht mir bitte, dass ich heute unsere Sitten gebrochen habe, und erlaubt mir bitte, sie nochmal zu sehen.“ Die Abdzachen schwiegen.

Amdachan ging auf ihren alten Mann zu– hob den Umhang (К1ак1о) von seinem Kopf und sprach mit ihm wie zu Lebzeiten, „Mein Alter, wer wird mir denn berichten, wie du umgekommen bist ?“ Sie sprach so leise, als ob sie sich selbst ansprach. Sie wurde aber doch gehört und bekam folgende Antwort:

„Er kämpfte mitten drinnen Amdachan. Kein Feind, den er sah entkam ihm. Wir folgten ihm auch. Als ihn die tödliche Kugel traf, weigerte er sich, sich vom Feld tragen zu lassen. Erst als er den letzten Feind fallen sah, machte er seine Augen zu.“

„Dann hast du doch miterlebt wie deine sieben Söhne gefallen sind mein Alter!“ sagte Amdachan. Sie deckte ihn wieder zu und wandte sich zum älteren Sohn, der neben ihm lag. Entschleierte sein Gesicht und sagte – „Wie und was soll ich deiner Frau und den drei Kinder berichten mein Sohn?“ Aus der Reihe der Krieger erklang die Stimme eines Freundes und sagte – „Unsere Mutter; Er kämpfte links von seinem Vater – sein Schwert war am schärfsten und sein Arm am stärksten. Als unseren Vater die tödliche Kugel traf, nahm er seinen Platz an und kämpfte vor seinen sechs Brüdern bis er fiel.“

„Er kämpfte für sein Dorf. Für seine Heimat.“- sagte Amdachan und deckte sein Gesicht wieder zu. Als sie sich zum nächst Älteren wandte, entdeckte sie den abgeschnittenen Kopf- Ohne Zittern und ohne bibbernde Stimme sagte sie nur – „ich werde Gott bitten, dass das zweite Kind deiner schwangere Frau, ein Sohn sein möge.“ 

„Gleichgültig was sie gebären wird, es wird nie beschämendes über seinen Vater hören Amdachan.“ Die Stimme im Hintergrund sagte weiter; „als sein Bruder fiel legte er seinen Leib links neben seinem Vater – und kämpfte vor seinen Brüdern.“

Vom Dritten, Vierten und Fünften verabschiedete sich Amdachan. Alle drei machten den Eindruck, als wären sie nie dem Tod begegnet. Sie wären nur völlig erschöpft und schliefen so tief.

 

 

Als sie dem einen sagte „du warst ungerecht zu den Pferden“, hörte sie die Stimme eines Jugendlichen „solche Männer nennt man Schwalbe des Sattels unsere Mutter. Wie ein Habicht stürzte er sich auf die Feinde und schrie sie an wie ein Adler“.  

„Und du mein Sohn, hast immer gerne gesungen“, sagte sie dem andern. Da hörte sie,

„Solange er sich auf dem Sattel hielt, beflügelte er die Kämpfer der Abdzachen  mit seinen Liedern“.

„Und du mein Sohn, deinen Vater hast du hoffen lassen, ein guter Tischler zu werden.“

„Glänzend mit seinem schärfsten Schwert, war er ein Vorbild für alle Kämpfer der Abdzachen; unsere Mutter. Alle deine Söhne waren Vorkämpfer für die Abdzachen. wenn der Ältere fiel übernahm der nächste die Führung“.

Als sie beim sechsten Sohn ankam, näherte sich ihr ein Kämpfer – legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte leise und nur mahnend „Amdachan“. Als sie den Umhang zur Seite schob, sah sie das blutgetränkte Tuch über seinem Gesicht. Der Kämpfer sagte ihr, „Amdachan, behalte doch dein Abschiedsbild von Vorgestern in Erinnerung! Zu viele Feinde haben das Schwert deines Sohnes gespürt, auch er hatte viele Attacken abgewehrt. Als sie ihn hatten, rächten sie sich erbarmungslos.“      

Haltung bewahrend verabschiedete sich Amdachan von ihrem sechsten mit den Worten; „Wenn du glücklich warst, strahltest du wie die Sonne mein Sohn - selbst wenn du traurig warst – sahst du wie ein Vollmond aus“ und wandte sich nun zum jüngsten Sohn. „Von meinem Bett aus bist du mit den Tapferen unseres Dorfes in den Kampf gezogen. Ohne Chance ein Mann zu werden aber deine Männlichkeit, hat dich nicht verfehlt. Unbewaffnet bist du ausgezogen und mit voller Rüstung bist du zurück“, und fügte ganz leise, dass es keine hörte, „wie gern hätte ich doch eine Weile deinen Kopf noch auf meinen Schoß gehabt  mein Sonnenlicht.“ 

„Wie unhaltbar der sechzehnjährige sich im Kampf entfaltete - für meine Mutter, für meinen Vater, für meine Brüder rufend, den Feind zerschmetterte, nichts konnte ihn aufhalten. Bis einer, der vor Schmerz schreiende feind schrie; haltet den auf - umkreist und tötet ihn. Sie taten es, aber weder Kugel noch Schwerte trafen ihn bis mehrere gemeinsam ihn mit Speeren durchbohrten und ihn hoch hievten. Er empfand keine Schmerzen, freute sich über die Aussicht, wie schön seine Heimat von der Höhe aus ist, hat er erst jetzt begriffen. Siehst du mich auch Vater? Die Feinde lachten, aber nur für kurze Zeit. Es war die Chance sie beisammen zu umzingeln. Keiner konnte entkommen. Das war ihr Ende.“

„Wie du leidest wissen wir alle Amdachan, lass doch deinen Tränen ihren Lauf und befreie dich bitte“, versuchte ein Kämpfer sie zu trösten. „Auch andere leiden, jetzt bin ich auch an der Reihe und bin nur eine von denen“, erwiderte Amdachan.   

Als Amdachan den Friedhof verließ, verabschiedete sich auch die Sonne hinter dem lang ausgestrecktem Gipfel der Berge. Die Kämpfer der Abdzachen sahen ihr schweigend nach, wie sie der untergehenden Sonne folgte.

 

In einem der Gasthäuser erklang um Mitternacht das Klagelied:

Абдзахэмэ  янэ  тыгъэу   къохьэжьырэм   дэку1атэ,

Der untergehenden Sonne, folgt die Mutter der Abdzachen,

Ыгъэк1отэжьыгъэхэр нэп1э зэтемыхэу к1элъэплъэх.

Die sie begleitete mit geschlossenen Augen- ihr nachschauen.

Къытхэмыплъэжьырэмэ л1ыхъужъ орэдыр къафашъу1у.

Unsere Helden  lasst uns mit Gesang preisen,

 Хэты ыц1э  къешу1оми  абдзахэмэ  янэ  къылъфыгъ.

Gleich wenn wir Preisen, ist Sohn der Mutter der Abdzachen.

Амдэхъан  мы  орэдыр  зэхихыжьыгъэп

Amdachan hat dieses Lied nie hören können.

   

 

 

 

 

 

Anmerkungen

Das Lied “ die Mutter der Abdzachen „ beruht wie alle unserer überlieferten Klagelieder, auf tatsächliche Begebenheiten. Dieses Klagelied, das wir sogar heute als Theaterstück über das Internet verfolgen können, ist aber ein besonderes Mosaikstück der tragischen Geschichte aller tscherkessischen Stämme.

Dessen Phänomen ist jedoch, wie eine sechzig Jährige Frau mit dem einmaligen Verlust ihres Mannes und aller ihrer sieben Söhne – ihre Trauer, die sie beim Abschied ergraute, würdevoll als Preis zur Erkämpfung der Freiheit ihres Volkes, verarbeitete.

          Das Szenario lässt, selbst ein Stahlherz erweichen.

Solche Klagelieder waren einer der Mittel unserer Vorfahren, uns unsere tragische Geschichte zu vermitteln. Der ständige Gegenwart solcher Lieder , wie  auch z.B. „Das  Lied der Heimat „hat uns bisher die Impulse geliefert, der Verführungen der Zeit gegen die völligen Assimilation, zu widerstehen .

Beim Lied der Heimat     heißt es u.a.:

                Als stolze Verlierer des grausamen Krieges,

von der Hoffnung begleitend,  unsere geliebte Heimat nun verlassen.

               Die  Willkür und Schikanen des Siegers,

wollen wir uns ersparen und unsere Menschlichkeit nicht verlieren.......

 

Die unumkehrbare tragische Geschichte ist nicht Gegenstand dieser Ausführungen.

Vielmehr; geschichtsbewußt friedliche Wege zu suchen, unseren Morgen zu gestalten.

Dieses Lied liefert uns heute zum 150 jährigen Andenken unserer nationalen Tragödie den Anlass, uns vor den unzähligen Opfern dieses Krieges und der Vertreibung zu verneigen.

Es liefert uns aber auch den Anlass, unserer erblichen Verpflichtungen , bewusst zu werden und der Klärung der national  und auch international wieder entfachte „ Tscherkessische Frage „ rational mit einer tragfähigen Basis, unseren aktiven Beitrag zu leisten.

Nationale Wiederbelebungsimpulse ( Bürgerkrieg in Syrien und Sotschi ) hat uns der Himmel geschickt.

 

 

Ebenso die Weltveränderung -sowohl politisch als auch technisch, gibt uns die  Hoffnung, der anomalen Existenz der Tscherkessen von heute, zur Normalität zu verhelfen. 

An Patrioten , die unsern ewigen Schlaf bisher verhindert haben, hat es nie gemangelt. Chancen und Möglichkeiten , wie seit der 90. Jahre hat es jedoch nie gegeben.

Auch Dank des internationalen Engagement der letzten Jahre, hat die „ Tscherkessische Frage „ ein Entwicklungsstadium erreicht, dass sie national und international, reaktiviert .

Ein Autorenkollektiv der Kabardinisch- Balkarischen Staatlichen Universität ( KBSU) in Naltschik , als Kenner und direkt Betroffener, liefert uns mit einer Broschüre aus 2013 ein Studium über Möglichkeiten und Grenzen zur Lösung der „ Tscherkessischen Frage“.

Die „ Tscherkessische Frage „ wird von ihrer Entstehung im Jahre 1560 bis zur Gegenwart

wissenschaftlich den interessierten in 42 Seiten in Deutsch u. englisch dargestellt. 

Im 3. und letzten Kapitel wird unter dem Titel die  „ Tscherkessenfrage“: Ein weiterer Nervenkrieg im Nordkaukasus? erläutert.

Auf nachfolgende Hauptthemen wird dabei, kurz aber sehr objektiv eingegangen.

      1. Die Tscherkessen und Tscherkessien in der Vergangenheit und der Gegenwart.

      2. „Tscherkessen Frage“: eine Retrospektive.

  1. 3.      Die moderne“ tscherkessische Frage „ Sowie:
  2. 4.      „ Die tscherkessische Frage“ die offenen Ergebnisse.

 Für interessierte Einsteiger und  sogar für langjährige Aktivisten liefert die Broschüre, aufschlussreiche Informationen.

Da  für wissenschaftliche Zwecke  erstellte Broschüre nur limitiert verfügt verfügbar ist, ist sie schwer erhältlich.  Interessierte möchten sich bitte bei uns melden.

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